LYRIK

Gardine

Ein Spreiß
gewonnen durch Fleiß
zerronnen im Schmerz
März

Der (noch) unbekannte zeitgenössische Dichter scheint uns vor ein Rätsel stellen zu wollen. Hingleich lässt das einleitende, ja verstörende Wortungetüm "Ein Spreiß" eine leichte Ahnung aufkeimen, dass die Implikation zur schwäbischen Mundart gesucht wird, in welcher "ein Spreißel" den Holzsplitter bezeichnen kann, welcher der Bub sich eingezogen hat. Auch die zweite mutige Zeile kokettiert mit dem sprichwörtlichen schwäbischen Fleiß und so lässt sich mutmaßen. "Ein Spreiß gewonnen im Schweiß" bezieht sich erstens auf die hart arbeitende schwäbische Landbevölkerung, welche selbst im Angesicht von Holzsplittern nicht das Angesicht verliert, sondern die fleißige Arbeit zum Gegenstand des täglichen Lebens macht, ungeachtet aller Gefahren des täglichen Lebens. Die überquellende Liebe des Dichters zu den einfachen Menschen, fernab jeglicher moderner Ablenkung, allein dem Aufbau einer besseren Welt zugewandt, lässt hoffen und erschaudern, denn, und hier muss und soll dies geschrieben werden, keine Liebe ohne Schmerz, in welcher der Held der Arbeit seinen empfangenen ungewollten Lohn des stechenden Stachels unaufhörlich entkörpert, ja geradezu durch seine Körpersäfte im Schmerz auflöst. Was kann es aufopferungsvolles geben, als den Fremdkörper, der ja keiner ist, dennoch zu assimilieren, obwohl er doch mit Schmerzen eindrang. So wie die Mutter unter Schmerzen gebiert, so auch der Schwabe am Holzbrett der Hocketse empfängt den fasernen Kuss, hingewandt hingegen oder auch. Die Vergeistigung des Dichters zum Reimspiel zeigt eine vordergründige Symmetrie der Silben, welche in Schönheit fast fettig glänzt. Man ist geneigt zu denken, der greise Dichter frug sich in der Tat, besser vor der Benutzung des dritten Monats sich feige zu drücken und statt dessen die letzte Denke zu durchbrechen, durch zu brechen, zu brechen durch die Überraschung:

Ein Spreiß
gewonnen durch Fleiß
zerronnen im Schmerz
April

Hingegen suchte er auch die Überraschung zu übertölpeln, denn semantisch lag die Affinität zum vierten Monat, zum Tore des Frühlings, nahe: "April April" mag er gedacht haben und spielte vielleicht mit dem Februar anstatt. Aber Nein! So billig macht es uns der Poet nicht und sich selber sowieso auch. Er schlug erneut einen Haken und statt April wählte er völlig unerwartet erneut den März. Diese im Hegelschen Sinne angewandte Negation der Negation zeigt die tiefe philologische Bedeutung des Gedichts innerhalb der doppelten Verneinung des Märzens.

Ein Spreiß
gewonnen durch Fleiß
zerronnen im Schmerz
März

So sei es denn, wohlan mein Weißer. Hingegen ist dies nicht die einzige Interpretation des Machwerks, vielmehr oder zumindest deutlich weist zweitens der März auf den Kenner des späten Märzen-Bieres hin, stark und haltbar, wie der Spreißel im Auge, der Splitter im Auge Gottes. Aber ist es ein Sprieß, oder sprießt nicht die Natur beginnend in der warmen Märzsonne aus den mit Fleiß erzeugten Knospen der Büsche? Züsilieren nicht kleine Piepmätze bereits vor der Zeit mit zarten Stimmchen im Fleiße an Ton gewinnend? Und wenn, worin zerrinnt der fliehende Winter, wenn nicht im Schmerz des schmelzenden Schneemannes? Fragen über Fragen. Die Nähe zum Osterspaziergang des faust'schen Menschen dräut empor, ist unser Lyriker gar so groß? Vielleicht entsprang die proballistische Aneinanderreihung von Lettern zu Reihen zu Zeilen garnicht einem tieferen Sinn, sondern einem flacheren einen. Hoffentlich hat der Dichter sich aber doch etwas mehr dabei gedacht, als er diese Worte erbrach:

die Zeit bricht aus den Fugen
der Raum ist nicht mehr da
laut zu denken und zu suchen
fürderhier und immerdar

Kraftvolle mächtige Worte lassen erbeben und erschaudern. Der Kosmos wird eingefangen in zwei Zeilen, dreizehn milliarden Jahre in einer Nußschale. Ein Sturm fegt über die Treppe und die Zeit bildet den Haupttenor der Aussage, nebst dem Raume, dem Denken und Suchen, ja dem Menschen an sich und dem Leben als solches gemeinhin. Der nicht offen in Erscheinung tretende Identifikator der Zeilen greift den geneigten Leser da auf, wo er ihn wieder fallen lässt, im Nichts. Ich denke, also bin ich; ich dachte, also war ich? Im descard'schen Horizont der Ereignisse steht die Suche für den Sinn dieser Zeilen neben dem Denken und zwar dem lauten. Gibt es leises, stilles, inneres Denken? Wo ist denn "innen"? Taumelnde Wahrscheinlichkeiten um unzählige Singularitäten der Zeit sind nur ein schwacher Ausdruck für den Heuhaufen, in welchem die sprichwörtliche Naddel des Intellekts zu suchen ist. Solch ein Gedicht ist mehr ein Hohn für die Geknechteten, deren tägliche Mühe, wie jener der schwäbischen Landbevölkerung im harten Kampfe mit den Spreißeln, zu dienen und nicht zu entäußern, sich anschickt. Wie dem auch sei, sei's drum, gefallen mögen dies Zeilen sehr, viel mehr vielmehr. Das Werk Frank Herberts im Dune - Zyklus könnte diesen Zeilen rätselhaft gerecht werden, nicht nur als Ghola Duncan Idaho, Bene Gesserit und verblichenem Kwisatz Haderach, wenn es denn man wollte. Irulan hat Recht, wenn auch nicht sicher. So bleibt denn nurmehr ein schaler Geschmack angesichts des Allmächtigkeitsanspruches der finalen Zeile, anbiedernd in veralteter Wortwahl. Was mag der Leser dem entnehmen? Es sei des Autors Lohn, dies zu erodieren. Zumindest ist es äußerst unwahrscheinlich, dass Rezipienten dieser Zeilen in den letzten paar Minuten an Sex gedacht haben (bis exakt jetzt).

Herzlichen Glückwunsch!

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